Istanbul Tagebuch – Assimilationsbeobachtungen, Identität & Kultur

Die zwei Extreme – der Überanpasser & der Unveränderliche

Man kennt ihn, wenn der Überanpasser längere Zeit in einem anderen Land lebt oder gar auswandert, passt er sich beflissen an die Gepflogenheiten an, verhält sich politisch und kulturell absolut korrekt und setzt eifrig alles um, was man an ihn heranträgt. So eifrig, dass man sich als Aussenstehender fragt: ist diese Person so ganz ohne eigene kulturelle Prägung ins Land gekommen? Oder froh, diese endlich über Bord zu werfen?
Dann gibt es den Unveränderlichen, der sich und seiner Kultur eisern die Treue hält, keinen Jota von seinen Gewohnheiten abweicht und dem Stillstand frönt. Er spricht, egal in welchem Land er sich befindet, konsequent in der eigenen Muttersprache. Falls das Gegenüber ihn nicht versteht (da anderssprachig) spricht er einfach sehr sehr langsam in seiner Muttersprache und hilft mit Gestik nach.

Nun ich bin zwischen den Extremen irgendwo anzusiedeln…

Meine kulturelle Identität in Istanbul

Ich verbringe einen Teil des Jahres in Istanbul. Aus Zürich kommend und dank meiner Agenda super gut organisiert, bin ich in Istanbul angekommen. Natürlich habe ich mich vorher informiert und mich in die Gepflogenheiten und kulturellen Eigenheiten eingelesen. Der erste Integrationsversuch war zu kopflastig, weil ich mein gesammeltes Wissen umsetzen wollte. Er wirkte zeitweise gestelzt und war über den Verstand gesteuert. Mein ehrliches Interesse an Menschen, Zeit und viel Neugierde haben mir dann bei den ersten Schritten besser geholfen. Der Kulturschock löste bei mir erstmal eine Art Gegenreaktion aus. Erstaunt habe ich festgestellt, dass ich selten patriotischer unterwegs war, als wenn ich im Ausland lebe! So referierte ich bald leidenschaftlich über die Schweizerische Basis-Demokratie über die Effizienz an sich und das Time-Management im Alltag und über die absolut besten Brote der Welt.
Als ich diese Phase hinter mir lassen konnte (Rückfälle nicht ausgeschlossen) habe ich gemerkt, dass ich mich erst einer neuen Kultur öffnen kann, wenn ich mir meiner eigenen bewusst bin und diese innerlich rückversichert habe. Sobald ich mit meiner eigenen Identität achtsam umging, war ich offen für anderes. Da konnte ich auch meine Uhr und meine Agenda zur Seite legen und anfangen darauf zu vertrauen, dass sich der Tag schon ergeben wird.
….und plötzlich verhält man sich anders. Ich habe vor einer Woche mit Freunden darüber gesprochen, wie ich anhand kleiner Dingen gemerkt habe, dass ich mich assimiliert habe. Hier einige Beispiele:

Die Frucht Erik

Zuerst möchte ich auf die Frucht Erik zu sprechen kommen. Sie ist grün und ausgesprochen sauer. Beim ersten Probieren vor circa 5 Jahren zog es mir im Gaumen sämtliche Schleimhäute unliebsam zusammen und mir war sofort klar, dass ich für diese Früchte nicht zu haben bin. Es handelt sich dabei übrigens um eine Pflaumenart, die einfach grün geerntet wird. Aus meiner damaligen Optik also schlichtweg eine unreife Pflaume. Wer isst denn schon unreife Früchte?! Naja, mittlerweile schätze ich die Erik und esse sie regelmässig. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und habe mich dieses Jahr dabei erwischt, wie ich sie mit viel Engagement vom Baum vor unserem Haus geschüttelt habe! Passt sich der Geschmack auch an? Oder benötigen die Geschmacksnerven eine gewisse Zeit und Wiederholung, um sich auf etwas Neues einzulassen? Gruppenzwang? Man weiss es nicht mit Sicherheit.

Die Über-Assimilation

Ein untrügerisches Zeichen meiner erfolgreichen Integration ist mein Schwarzteekonsum. Ich habe früher höchst selten Schwarztee getrunken, geschweige denn zum Frühstück. Nun bin ich schon soweit, dass ich den Schwarztee selber mindestens 30 Minuten à la Turca aufbrühe und ihn mit Vorliebe in den kleinen, circa 5 cm hohen Gläsern geniesse. Wir haben sogar unsere eigene Hausmischung! Als ich letzthin auf einer Fähre einen Schwarztee bestellte, kam ein Beutel-Schwarztee in einem grossen Pappbecher. Das war zu viel für meine assimilierte Tee-Seele und ich stellte erstaunt fest, dass es mich echt sauer gemacht hat. Ich ging in meiner Empörung sogar soweit, dass ich ihn nicht getrunken habe. Ein klassischer Fall von Über-Assimilation!

Besuch kündigt sich an

Das dritte Beispiel bezieht sich auf mein Verhalten, bevor Besuch kommt. Ich habe über Jahre eine NICHT zielführende Diskussion geführt, weil ich herausfinden wollte, um welche Zeit der Besuch kommt und wofür er kommt – sprich Kaffee & Kuchen oder Abendessen oder sogar Übernachtung? Weil ich mich darauf einstellen und alles planen wollte. Meine Fragerei hat jedoch nie Klarheit und Planungssicherheit gebracht, weil die Antworten immer in etwa folgende Qualität aufwiesen: Ich weiss nicht genau, der Besuch kommt am Nachmittag, der Besuch bleibt solange er bleibt, wenn wir hungrig sind kochen wir etwas zu Essen, das mit der Übernachtung fragt man nicht im Voraus und man fragt schon gar nicht, wann der Besuch wieder gedenkt zu gehen – ein kulturelles NO GO! Nach unzähligen Fragen, Gereiztheiten, unbefriedigenden Antworten, stetigem Kopfschütteln und innerlichem laut schreien, habe ich mich dem Flow ergeben und einfach alles irgendwie geschehen lassen und mich auch nicht verantwortlich gefühlt. Und es ging. Immer. Heute kann ich mit Stolz sagen, dass ich mir sämtliche Gedanken, die zur Kategorie «ich bereite mich auf einen Besuch vor» gehören, nicht mehr mache und diese spontane Art, im jeweiligen Moment einfach mit oder auch ohne Besuch den nächsten Schritt zu tun (z.B. Abendessen einkaufen und kochen), geniesse. Auch über die Anzahl der möglichen Besucher mache ich mir keinen Kopf mehr, es kommt wer kommt und meistens noch ein paar mehr dazu. Denen, die sich spontan für eine Übernachtung auf unserem Sofa entschliessen, leihe ich sogar mein Pyjama aus.

Was sind eure Erfahrungen?

Gabriela

 

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